Ein Gespräch über den Untergang des Abendlandes
Interviewer: Guten Tag, G9, G8 ist ja leider noch nicht erschienen, wir können das Interview aber genau so gut ohne es starten.
G9: Ohne G8 geht es sowieso allen besser!
Interviewer: Höre ich da etwa leichte Verbitterung?
G9: Verbitterung? Nein, Sie hören blanke Wut! Was würden Sie denn machen, wenn sie einfach so ohne Grund entlassen werden würden, und so ein unfähiger, unfertiger Jungspund und Tunichtgut erhält den Posten?
Interviewer: Sie haben Recht, das kann ich nachvollziehen. Aber ein Jahr haben Sie ja noch.
G9: Ein Jahr? Das sind doch nur poplige sieben Monate! Extra verkürzt um mich zu Demütigen. Nicht mal einen würdigen Abschied gewähren sie mir. Nach so vielen Jahren…
G8 betritt den Raum.
G8: Tut mir Leid für die Verspätung, aber protestierende Elternverbände haben mit Fackeln und Mistgabeln bewaffnet das Kultusministerium belagert.
G9: Hoffentlich haben sie es angezündet!
Interviewer: Da wir jetzt komplett sind, können wir das Interview jetzt ja noch mal richtig starten. G8, G9, erklären Sie uns doch mal, warum sie sich so hassen.
G8: G9 ist einfach nur neidisch auf mich und meine jugendliche Energie, meinen frischen Elan, meinen bestechenden Charme, meine Bescheidenheit. Schon in der Grundschule war das so. Ich war immer der schnellere, klügere, bessere.
G9: Das ist gar nicht wahr!
G8: Natürlich ist das wahr. Weißt du nicht mehr, als du damals beim 50 Meter Lauf in die falsche Richtung gestartet bist? Oder damals, als du in Mathe plötzlich Plus mit Minus verwechselt hast?
G9: Immer musst du meine Gefühle verletzen! Das hast du auch schon in der Grundschule gemacht!
Interviewer: Wieso, was hat G8 denn getan?
G9: Viele schlimme Dinge. Zum Beispiel das eine Mal, als ich ihm ein Freundschaftsarmband gebastelt hatte! Er wollte es partout nicht anziehen.
G8: Also Bitte, es war rosa und du hattest „Prinzessin Lillifee“-Glitzerfeenstaub drübergestreut!
G9: Ich mag Glitzer.
G8: Kein Siebenjähriger Junge außer dir mochte Glitzer!
G9: Das stimmt nicht, Dani mochte Glitzer.
G8: Dani hieß Daniela und sah ein wenig jungenhaft aus, weil ihre Mutter ihr Latzhosen anzog.
G9: Oder damals, als du das Lied, das ich dir komponiert hatte, nicht mit mir im Duett auf der Blockflöte spielen wolltest!
G8: Das war kein Lied, du hast einfach zwanzig Mal hintereinander den Ton C gespielt!
G9: Meine Mama hat gesagt, es wäre wundervoll!
G8: Dann hat deine Mama eben gelogen!
G9 bricht in Tränen aus.
Interviewer: Stopp, Stopp, Stopp, wir sind doch erwachsene Leute, wir haben doch ein wenig Anstand, oder?
G9 schluchzt heftig.
G8: Aber G9 hat doch angefangen.
Interviewer: G9, geht es Ihnen wieder besser?
G9: (weinerlich) Ein wenig.
Interviewer: Lassen Sie uns doch noch einmal konkret werden, Sie beiden schienen sich ja in früheren Jahren noch ganz gut zu verstehen…
G9: Wir waren beste Freunde!
G8: Waren.
G9 schluchzt erneut.
Interviewer: … wie kam es denn dann zur Entzweiung?
G9: G8 hat mir meinen Job weggenommen!
G8: Nicht ich habe dir deinen Job weggenommen, sondern die Damen und Herren vom Kultusministerium. Du warst einfach zu alt, nicht mehr on time, Kollege, man braucht auch mal frischen Wind, verstehst du?
G9: Es war alles so gut, wie es war. Veränderungen bringen Probleme mit sich, wie du siehst, und müssen nicht immer gut sein. Seien wir doch mal ehrlich, keiner mag dich!
Interviewer: In der Tat, wenn man sich die Meinungsumfragen mal so ansieht, merkt man doch deutlich, dass sich die Mehrheit der Leute G9 zurückwünscht.
G8: Papperlapapp. Die haben doch alle keine Ahnung. Ich werde Bayerns Schüler durch meine Visionen an die Weltspitze befördern. Aber wie man so schön sagt, der Prophet gilt nichts im eigenen Land.
G9: Prophet? Visionen? Das einzige, was du erreicht hast, ist den Stoff von neun Jahren in acht zu quetschen. Das Niveau ist gesunken, trotzdem ist alles schwerer. Wenn man ehrlich ist, ist das eine beachtliche Leistung. Wie hast du das hingekriegt?
G8: Red keinen Unsinn. Ich bin das Tor zur Arbeitswelt, ich bringe die Schulen näher an die Universitäten, dank mir erfüllt Bayern bald internationale Standards.
G9: Aber galt nicht bisher in aller Welt das deutsche Abitur als das beste Leistungszeugnis, das ein Schüler haben konnte? Und war nicht Bayern immer eines der in Deutschland führenden Länder, was Bildung anbelangte? Und nun kommst du daher und machst es den Schülern immer schwerer, ein immer weniger wertvolles Zeugnis zu erhalten.
G8: Ich, ich, ich… ich weiß es doch auch nicht! Ich bin doch nur der, der die dreckigen Befehle von oben ausführt! Ich bin doch nur ein Werkzeug!
G8 rennt schreiend aus dem Raum.
Interviewer: G9, hätten Sie mit dieser überraschenden Wendung gerechnet?
G9: Ich schon, aber wenn es so weiter geht, können die Kinder von morgen nicht mehr rechnen.
Interviewer: Ein schöner Schlusssatz.
G9: Finden Sie?
Interviewer: Ja.
G9: Ooohh, danke!
G9 knuddelt den Interviewer.